NachDenkstatt

Transdisziplinarität

Autor: Johannes Kruse, verfasst zur NachDenkstatt 2013.
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veröffentlicht in: F. Haack et al. (2015) S. 9–14.

Ausgangslage: Nachhaltigkeitsprobleme

Ausgangspunkte transdisziplinärer Transformationsprozesse und damit auch der NachDenkstatt sind Nachhaltigkeitsprobleme. Diese Probleme lassen sich durch eine Reihe von Charakteristika beschreiben. Hierzu gehören unter anderem

  • ihr notwendigerweise wertgeladener Charakter (Nachhaltigkeitsprobleme können nicht ohne Werte und Normen gedacht werden),
  • ihr langfristiger Charakter,
  • ihre soziale Relevanz und Dringlichkeit, die schon heute Handlungsbedarf auslösen,
  • die Vielfältigkeit ihrer Zieldimensionen (u.a. soziales, ökologisches, ökonomisches etc.) und dadurch Steigerung der Komplexität und
  • ihre fundamentalen Unsicherheiten, die sowohl die Ausgangssituation der Probleme betreffen, als auch den gewünschten Zielzustand und den Prozess der Transformation selbst.

Nachhaltigkeitsprobleme sind kurz gesagt vielschichtige, komplexe und lebensweltliche Probleme. Die methodische Antwort auf Probleme dieser Art ist der transdisziplinäre Ansatz. Ihre Relevanz speist die Transdisziplinarität dabei aus der limitierten Problemlösungskompetenz disziplinärer, multi- und interdisziplinärer Wissenschaft.

Auf ein Merkmal des transdisziplinären Ansatzes sollte bereits hier hingewiesen werden: Transdisziplinarität ist notwendigerweise immer lösungsorientiert, denn Nachhaltigkeitsprobleme lösen aufgrund ihrer sozialen Relevanz und Dringlichkeit Handlungsbedarf aus. Ziel ist es deshalb, Wissen zu generieren, dass eine Transformation der bisherigen Zustände und somit möglichst optimale Lösung von Problemen ermöglicht. Dieses Wissen lässt sich kategorisieren in: Systemwissen, Zielwissen, Transformationswissen.

Prozessperspektive: Phasenmodell der Transdisziplinarität

Die Prinzipien, nach denen transdisziplinäre Prozesse organisiert sind, sind als Antwort auf die Herausforderungen durch Nachhaltigkeitsprobleme zu verstehen. Bevor die Prinzipien erläutert werden, lohnt es, sich einen Überblick über einen idealtypischen transdisziplinären Prozess zu verschaffen. Für einen ersten Zugang zu den Phasen eignet sich besonders das Modell des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE), vgl. Abbildung 1.


Abb 1: Transdisziplinäre Prozesse – Modell des ISOE (Quelle: Jahn 2013: 69, dort mit Verweis auf Jahn et al. 2012: 4, eigene Ergänzungen in orange.
  1. Ausgangspunkt sind (wie oben beschrieben) Probleme mit gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Relevanz. Die erste Phase transdisziplinärer Prozesse befasst sich also zunächst mit der gemeinsamen Findung, Abgrenzung und Definition dieser Ausgangsprobleme.
  2. In der zweiten Phase geht es dann vor allem darum, integrativ neues Wissen zu generieren. Dieses Wissen soll eine Lösung der Problemstellung, die sich aus der ersten Phase ergeben hat, ermöglichen.
  3. Um aber tatsächlich effektiv Probleme lösen zu können, muss das produzierte Wissen in der dritten Phase sowohl in die Praxis, als auch in die Wissenschaft zurückwirken.

Erstes Prinzip: Kollaboration – Zusammenarbeit von Akteursgruppen über alle Phasen hinweg


Fundamentales Prinzip der Transdisziplinarität ist die gleichberechtigte Zusammenarbeit von drei Akteursgruppen: Wissenschaftler, Entscheidungsträger und Stakeholder. Diese Zusammenarbeit läuft über die gesamte Laufzeit der Prozesse hinweg.

Die Zivilgesellschaft (oder in organisierter Form Stakeholder) ist insofern involviert, als sie kulturelle und soziale Belange und Interessen repräsentiert und über diese einen öffentlichen Diskurs führt. Die Wissenschaft verantwortet die Forschungsaktivitäten während eines transdisziplinären Prozesses (Lehre, Training, Forschung). Entscheidungsprozesse hingegen werden von legitimierten Entscheidungsträgern umgesetzt. Diese können nationale oder lokale Politiker und Regierungen sein, Verwaltungen (zum Beispiel Umweltbehörden) aber auch Entscheidungsbefugte aus der Wirtschaft oder sonstigen Organisationen und Institutionen sein.

Zweites Prinzip: Integration – Vier Modi der Wissensintegration

Das nächste fundamentale Prinzip der Transdisziplinarität ist die Integration von Wissen. Scholz (2011) stellt wie in Abbildung 2 dargestellt vier mögliche Modi der Wissensintegration fest: wissenschaftliche Disziplinen (Disciplines), Systeme und Problemfacetten (Systems), Modi des Denkens von Praxis und Wissenschaft (Modes of thought) und Interessen und Werten (Interests).


Abb 3: Die vier Typen der Wissensintegration (Quelle: Scholz 2011: 381)

Die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis erwirkt in transdisziplinären Prozessen zunächst die Integration von zwei Arten von Wissen (Modes of thought): die theoretischen und abstrakten Erkenntnisse der Wissenschaften und das konkrete, lebensweltliche und empirische Wissen der Praxis. Außerdem stellt die gemeinsame und gleichberechtigte Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis sicher, dass sowohl Praxisentscheidungen (z.B. politische Entscheidungen) mit wissenschaftlichem Wissen und Erkenntnissen hinterlegt sind, als auch Fragestellungen der Wissenschaft auf entscheidungsrelevante Aspekte der Praxis gelenkt werden. Insbesondere in Hinblick auf die fundamentalen Unsicherheiten, die sich durch den gesamten Kontext von Nachhaltigkeits­proble­men hindurch ziehen, ist die Initiierung gegenseitigen Lernens durch Kollaboration interessant.

Der zweite wichtige Modus der Integration zwischen Wissenschaft und Praxis bezieht sich auf die Berücksichtigung von Interessen und Werten (Interests). Eben weil Nachhaltigkeitsprobleme immer Werte und Normen berühren, ist es wichtig, diese Tatsache anzuerkennen und die verschiedenen Interessen offen zu problematisieren. Interessenkonflikte entstehen vor allem dann, wenn Lösungen zu lebensweltlichen Problemen erarbeitet werden, die verschiedene Stakeholder direkt betreffen und von diesen zum Beispiel Veränderungen und Umstellungen ihrer Gewohnheiten einfordern. Aber auch schon auf vorgelagerter Ebene sind Interessen insofern von Bedeutung, als verschiedene Lösungsmöglichkeiten von verschiedenen Entscheidungsträgern und Stakeholdern durchaus unterschiedlich bevorzugt als auch aufgrund der jeweiligen Profession unterschiedliche Aspekte an einem Problem relevant werden können. Hier unterstützt die Zusammenarbeit verschiedener Akteurs­gruppen die Legitimierung solcher Prozesse.

Nachhaltigkeitsprobleme sind häufig multidisziplinäre Probleme, die dadurch gekennzeichnet sind, dass sie keiner disziplinären Struktur folgen. Von daher kommt es bei der Lösung dieser Probleme entscheidend darauf an, verschiedene Perspektiven unterschiedlicher Disziplinen (Disciplines) (sowohl Sozial- als auch Naturwissenschaften) zu integrieren. Dabei erfolgt die disziplinäre Zusammenarbeit – anders als bei multi- oder interdisziplinären Projekten – über die gesamte Laufzeit der Prozesse hinweg. Insofern ist die Integration von Disziplinen in transdisziplinären Prozessen auch mehr als nur additive Verknüpfung von Erkenntnissen verschiedener Disziplinen.

Integration unterschiedlicher Systeme (Systems): Probleme gliedern sich normalerweise in mehrere Problemfacetten. Diese Facetten können als eigene (Sub-)Systeme der Probleme verstanden werden. Im Umweltbereich sind beispielsweise die Systeme Wasser, Luft, Boden von Bedeutung, im Unternehmenskontext unter anderem der Managementstil, Bilanzen und Kennzahlen, Organisationsstruktur. Bei transdisziplinären Projekten kommt es darauf an, diese verschiedenen Problemperspektiven zu integrieren und in Relation zum größeren Problemkontext und die Prozessziele zu setzen.

Resultate: Feedbacks für Praxis und Wissenschaft

Das Feedback für die Praxis aus transdisziplinären Prozessen folgt aus der oben gezeigten Lösungsorientierung des transdisziplinären Ansatzes. Es sollen Lösungsvorschläge zu Problemen insbesondere im Kontext nachhaltiger Entwicklung generiert werden. Diese sollen dann über die Entscheidungsträger, die an dem jeweiligen Prozess beteiligt waren, in die Praxis getragen werden. Daneben sollen die Ergebnisse der Prozesse jedoch auch die Wissenschaft zu weiterer Forschung anstoßen. Insofern speisen die Ergebnisse aus transdisziplinären Prozessen sowohl die Praxis als auch die Wissenschaft mit Feedback.

Scholz spricht in diesem Zusammenhang von der Produktion sozial robusten Wissens (socially robust knowledge) (vgl. Scholz 2011: 379); also Wissen, das in transdisziplinären Prozessen erarbeitet wurde. Dieses liegt vor wenn folgende Kriterien erfüllt sind: „Generating socially robust knowledge … involves a form of epistemics, which: (i) meets state-of-the-art scientific knowledge; (ii) has the potential to attract consensus, and thus must be understandable by all stakeholder groups; (iii) acknowledges the uncertainties and incompleteness inherent in any type of knowledge about processes of the universe; (iv) generates processes of knowledge integration of different types of epistemics (e.g. scientific and experiential knowledge, utilizing and relating disciplinary knowledge from the social, natural, and engineering sciences); and (v) considers the constraints given by the context both of generating and utilizing knowledge.“ (Scholz 2011: 379) Damit sind auch die Prinzipien transdisziplinärer Prozesse nochmals auf den Punkt gebracht.

Literatur

  • Jahn, T., M. Bergmann, F. Keil (2012): „Transdisciplinarity: Between mainstreaming and marginalization.“ Ecological Economics 79: 1–10.
  • Scholz, R. W. (2011): Environmental Literacy in Science and Society: From Knowledge to Decisions. Cambridge University Press.